Stress – Die Zivilisations – ”Krankheit” Nr.

In den letzten Jahrzehnten hat die für viele Menschen die Belastung im Beruf, aber auch im Privatleben immer mehr zugenommen. Sie stehen ständig unter dem Druck, gesellschaftlichen, persönlichen und familiären Ansprüchen gerecht zu werden. Zudem befinden wir uns in einer mediengeprägten Konsumgesellschaft. Alles muß immer schneller gehen, wir wollen immer mehr haben und orientieren uns an Vorbildern, die von den Medien erschaffen werden und kaum erreichbar sind. Das Berufsleben ist geprägt von einem immer größeren Konkurrenzdruck. Auf der anderen Seite werden wir immer einsamer, isolierter und austauschbarer. Familiäre Strukturen zerfallen, der Druck im Beruf ist hoch und es bleibt kaum Zeit und Muße um nach dem Sinn des eigenen Lebens zu fragen und sich zu erholen. Selbst der Urlaub dient vielen nur noch dazu, liegen gebliebenes abzarbeiten. Die Folge ist eine dauernde Stressreaktion des Körpers – Und die ist alles andere als gesund. Burn out und Depression sind in den letzten Jahren regelrecht “in” geworden.

Was passiert eigentlich im Körper, wenn wir Stress haben?

Wird eine Wahrnehmung – aus dem Außen oder dem Inneren des Körpers – vom Zentralnervensystem als Gefahr interpretiert, wird der Organismus in erhöhte Alarm- und Handlungsbereitschaft versetzt; was sich vor allem auf Muskulatur, Atmung und Kreislauf auswirkt, aber auch die Informationsverarbeitung im Gehirn. Erleben wir uns bedroht, werden Hormone (u.a. Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol) als Botenstoffe in das Blut ausgeschüttet und der auf Aktivität gerichtet Teil unseres vegetativen (lat. = nicht dem Willen unterliegenden) Nervensystems (Sympathikus) wird aktiviert, während sein Gegenspieler, der auf Ruhe, Regeneration und Reproduktion gerichtete Parasympathikus gehemmt wird. Auf dies Aktivierung hin beginnt der Organismus, verstärkt Energie zu produzieren, um kurzfristig (!) leistungsfähiger zu sein. Gleichzeitig wird der Blutfluss umverteilt und alle Funktionen, die im Augenblick nicht lebensnotwendig sind, gehemmt.

Über lange Zeit waren Fressfeinde die Hauptbedrohung von Lebewesen. Daher reagieren wir noch heute reflexhaft so wie vor Urzeiten, um “unser Leben zu retten”. Das heisst: Fliehen, Kämpfen oder: sich Tot stellen. (Der Totstellreflex soll beim Angreifer die ebenfalls reflexhafte Beißhemmung auslösen.) Höhere Hirnfunktionen werden dazu nicht gebraucht und stehen dann auch nicht zur Verfügung. Es entsteht ein „Tunnelblick“ auf den Baum, den es zu erreichen, oder den Knüppel, den es zu fassen gilt. Es ist unwichtig, zu wissen, wie viele Streifen der Säbelzahntiger hat, der einen verfolgt.

Ganz allgemein gilt für jegliche Herausforderung: Je bedrohlicher / stressender die Situation erlebt wird, umso weniger ist mit intelligenten, kreativen oder ethischen Lösungen zu rechnen.
Denn so wie sich das Gehirn während der Evolution sozusagen vom Rückenmark über Stammhirn und Mittelhirn zum Großhirn hin entwickelte, so fallen bei Stress in umgekehrter Reihenfolge die höheren, differenzierten Funktionen immer mehr zu Gunsten der reflexhaften und schnelleren, unbewussten Reaktionsweisen aus. Erst wenn man die Anforderung überlebt hat und sich beruhigen konnte, kommen die zeitweilig nicht verfügbaren Fähigkeiten wieder. Die unwillkürlich im Körper ablaufenden Prozesse führen (zum Teil) zu spürbaren Veränderungen in der Körperwahrnehmung – die dann oft selbst wieder (weil sie auf eine Notfallsituationen hinweisen) beunruhigen. In der Folge reichen dann Ängste, es könne wieder geschehen, um den Reaktionszyklus auszulösen. Später reicht dann die Angst vor der Angst. Aus (fast) „Nichts“ ist nun „Etwas“ geworden.

Die Alarmreaktion selbst ist (kurzzeitig) völlig unschädlich, ja erwünscht, um besonders leistungsfähig zu sein und besondere Anforderungen zu meistern:

Kurzfristig werden Energieträger im Blut erhöht: schnell verfügbar, Zucker (Glukose) und energiereich, Fett (insbes. Triglyceride und Cholesterin). Das sind die Rohstoffe, aus denen in den Zellen Energie erzeugt wird. Das erklärt das Bedürfnis nach Süßem oder Fettigem (z.B. Schokolade, Chips).

Die Bauchspeicheldrüse schüttet verstärkt das Hormon Insulin aus, um Glukose in die Zellen zu transportieren. Das kann, wenn lange anhaltend, zur Erschöpfung der Drüsenzellen und Diabetes führen.

Die Atmung wird verstärkt, um mehr Sauerstoff in das innere „Stoffwechselfeuer“ zu blasen; so werden die Brennstoffe zu verfügbarer Energie umgewandelt. Wir erleben das als vermehrtes Luft holen, als „Lufthunger“, als Gefühl von „Atemnot“. Die vertiefte Atmung kann zu Symptomen der Hyperventilation führen; mit Schwindel- und/oder Kribbelgefühlen in Körperteilen, evtl. sogar Verkrampfungen in ängstlich angespannten Muskelgruppengen.

Beschleunigung von Puls und Erhöhung des Blutdrucks. So wird die Durchblutung verbessert und durch Blutflusslenkung die Energie dorthin gebracht, wo sie nun dringend gebraucht wird: in der Muskulatur. Gespürt werden Herzrasen, Pulsschlag im Hals, Druckgefühl im Kopf, Unruhe

Vermehrte Muskeldurchblutung. Mehr Kraft, Ausdauer und verbesserte Beweglichkeit erhöhen die Chancen bei Flucht oder Angriff. Bewusst erlebt werden Gespanntheit und unbändige Kraft, aber auch Zittern, das Gefühl „weicher Knie“, ein „Klos“ im Hals oder andere Verspannungen und in deren Folge z.B. kalte Finger / Füße. Durch die vermehrte Muskelarbeit (Energie-verbrauch) kommt es zur Körpererwärmung gefühlt als Hitzewallungen, Erröten der Haut.

Vermehrte Hautdurchblutung und vermehrtes Schwitzen. Um den Organismus zu kühlen und die Körpertemperatur konstant zu halten, wird die in den Muskeln produzierte Wärme an die Oberfläche geleitet und die beim Schwitzen entstehende Verdunstungskälte genutzt. Wahrgenommen werden kaltschweißige Haut, „frieren“, Gänsehaut.

Verminderte Blutzufuhr zu den inneren Organen. Ziel: Drosselung aller im Alarmzustand „unnötigen“ Stoffwechselvorgänge. Manche spüren das als Übelkeit oder als merkwürdige Gefühle in der Magengegend, z.T. führt die Aufregung aber auch zu Durchfall und vermehrtem Harndrang.

Verminderte Blutzufuhr zum Großhirn. Die relativ langsame Reiz-verarbeitung im Großhirn wird zurückgedrängt; eine genaue Bestimmung der Gefahr ist akut (meist) nicht nötig; schematische Entscheidungs-muster niederer Hirnregionen werden aufgerufen. Die (Sicherungs-) Reaktionen erfolgen damit rascher, problemorientierter – wenn auch mit größeren Fehlerquoten. Erlebbar sind Schreck, Lampenfieber, Angst, manchmal Panikgefühle; Folgen können auch Schwindelgefühle,Konzentrations-störungen, oder„Blackout“ in Prüfungen sein. In Extremfällen kann es zu Bewusstseinsverlust, Dissoziation (teilweiser oder völliger Verlust der normalen Integration von Erinnerungen, Empfindungen, Körperkontrolle sowie des Identitätsbewusst-seins), Stupor (lat. = völlige geistige und körperliche Regungslosigkeit) unf sogar Schocktod kommen.

Verminderte Schmerzwahrnehmung. Kurzfristig ist das ein Schutz, da der Moment, in dem die Aufmerksamkeit beim Schmerz wäre, eine ent-scheidende Lücke in der Abwehr einer Gefahr sein könnte. Langfristig wäre es gefährlich, ein wichtiges Meldesystem von Gefahren und innerem Ungleichgewicht außer Kraft zu setzen.

Auslöser für Stress kann alles und jedes sein, wenn der Organismus es für bedeutsam und bedrohlich hält:

  • Z.B. schädigende Umwelteinflüsse: Lärm, schrille Schreie (Alarmsignal), Kälte, Hitze, Strahlen, toxische Substanzen wie Zigarettenrauch und andere Gifte, Chemikalien,
  • Alle Hemmnisse auf dem Weg zur Bedürfnisbefriedigung; bestimmte Einstellungen, Befürchtungen, Erwartungshaltungen, Motivationen, die zu inneren oder äußeren Konflikten führen, seelische und/oder körperliche Belastungen, Unter- wie Überforderungen, zu wenig wie zu viel Verantwortung, Angst nicht zu genügen,
  • Schichtarbeit, Leistungsdruck, fehlende Gestaltungsmöglichkeiten, Reizüberflutung, Arbeitslosigkeit, Mobbing, soziale Isolation, Schlaflosigkeit, Sorgen, Armut, Zeit- oder Nahrungsmangel oder Überfluss, Langeweile,
  • Krankheiten und Schmerzen, Tod eines nahen Angehörigen, Umzug, Heimatverlust, Missbrauch oder andere lebensgeschichtlich belastende Erfahrungen, sogar irrationale Gefahren, wie Spinnen, Mäuse, eigenes Erröten, Plätze, Menschenmengen usw. usw. können Auslösereiz sein.
  • Es genügt sogar, allein die Vorstellung und Erwartung davon zu haben.

Die Stressreaktion ermöglicht dem Körper energisch und reaktionsschnell auf eine (Gefahren-)Situation zu reagieren, es ist ein körperlich-seelische Zustand mit (kurzfristig) gesteigerter Vigilanz (lat. = Wachsamkeit) und erhöhter Leistungsfähigkeit – zur Problemlösung.

Auf jede Wahrnehmung eines (inneren wie äußeren) Reizes folgt eine Orientierungsreaktion, dann Bewertung / Be-Deutungsgebung und Antwortsuche. Reiz und die Reaktion darauf führen dann zur (funktionalen oder unvorteilhaften bis schädlichen) Anpassung des Organismen an seine Umwelt bzw. zum (Um-)Gestalten der Umwelt. Ob ein System gut funktioniert, ist also eine Frage der Balance, des Ausgleichs. Im Leben gilt es folglich, immer das für sich und die Situation richtige Maß zu finden: z.B. zwischen Neugier und Angst; Sicherheit und Risiko; Herausforderung und Belastung usw. Gelingt dies nicht, ist das System gar in seinem Erhalt gefährdet, erleben wir Stress bzw. die Auswirkungen der dann automatisch ausgelösten Sicherungsreaktionen.

Lernt der Organismus hingegen, die (innere oder äußere) Umgebung an die (veränderte) Situation anzupassen, Verschwinden die anfänglichen Symptome der Alarmreaktion vollständig. Bleibt aber die Einwirkung der Stressoren (wie wir das heute sehr häufig beobachten) bestehen ohne dass das System einen neuen Gleichgewichtszustand findet oder sich an die Umwelt anpassen kann, kommt es schließlich zu einer Phase der Erschöpfung des Systems, in der Adaptationskrankheiten entstehen.

Adaptationskrankheiten sind nicht mehr nur zeitweilige Funktionsstörungen, von denen sich der Körper noch vollständig erholen kann, sondern echte organische Schädigungen, die vom Körper selbst eingeleitet oder verschlimmert sind.

Als Adaptationskrankheiten (durch Fehlanpassungen hervorgerufen) gelten z.B. Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenschäden, Rheumatismus, Asthma, allergische Reaktionen, vegetative Funktionsstörungen, Morbus Crohn, Colitis, Ängste, nervöse Erschöpfung bis hin zur depressiven Verstimmung. Die ursprüngliche Schutzreaktion kann also – alles eine Frage der Dosis – bei besonderer Intensität eines Ereignisses oder bei übermäßig lang anhaltender Dauer der stressenden Reize, selbst zum schädigenden Faktor werden, durch den die Organe des Körpers geschädigt werden. (z.B. bei chronisch erhöhten Blutdruck sind Blutgefäße verengt und über den erhöhten Cholesterinspiegel im Blut kommt es zur Schädigung der Blutgefäße, irgendwann zur Unterversorgung der Gewebe mit Sauerstoff. – Auch weiß man: Stress im frühen Leben führt zu chronischer Erhöhung von Cortisol im Blut, wodurch die Reizschwelle zur Stressreaktion dauerhaft erniedrigt ist. Da geht einem schneller „der Hut hoch“.) Denn folgt auf eine Stimulation keine ausreichende emotionale oder körperliche Abreaktion / Bewegung, die die erhöht mobilisierten Energie verbraucht (z.B. weil man gerade am Schreibtisch sitzt), wächst das Anspannungs- und Verspannungsniveau im Körper an.

Heutzutage umgeben uns viele unspezifische Stressoren (z.B. Straßen-, Fluglärm, Telefonklingeln oder Angst vor Arbeitsplatzverlust, hohe Arbeitsverdichtung, so dass immer, real oder gefühlt, etwas unerledigt bleibt; der Anspruch, perfekt zu sein oder alle Aufgaben sofort zu erledigen, überfordert, ebenso wie Schlafmangel oder zu viel Zeit vor den Medien), die den Körper unbewusst immer wieder aktivieren, aber nur latente (= vorhandene, aber noch nicht offenkundige) Gefahrenmeldungen auslösen, ihn aber in ständige Handlungsbereitschaft (Dauerstress) versetzen, ohne zu einer Bewegung oder Aüflösung zu führen. Parallel dazu bewegen wir uns (über die letzten Jahrzehnte gesehen) immer weniger, brauchen im Alltag immer weniger Kraft.

Wenn also Reize in so kurzen Abständen oder langanhaltend erfolgen, dass dem Körper keine Erholungspausen bleiben und/oder sich das Erregungsniveau aufschaukelt, weil keine Bewältigung stattfindet / stattfinden kann, bewirkt die aufgebaute Muskelanspannung „Zurückhaltung“, ein „sich Zusammenziehen“, „sich klein machen“.

Das kann in realer Gefahr schützen; führt aber, wenn chronisch, zu Minderdurchblutung der Gewebe, zu Schmerz, Angst und erniedrigten Reizschwellen für aggressive Ausbrüche, die, gegen sich selbst gerichtet, z.B. Zähneknirschen, Kopfschmerz bei verspannter Schulter-Nacken-Muskulatur, Bandscheibenvorfall oder Arthrose bewirken.

 

 

 

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